Freitag, 30. März 2012

Raketen-Roulette

"Im Kampf gegen die Terroristen in Gaza waren die Spielregeln beiden Seiten klar. Die Regeln waren raketen-wahrscheinlich, und das Spiel war eine nahöstliche Version des russischen Roulettes."
Moshe Arens im "Tachles"-Editorial (30. März) zur jüngsten Gewalteskalation zwischen Israel und Gaza

Donnerstag, 29. März 2012

Aufgeschnappt

"Aber damals, als Josef und Maria hier durch gegangen sind, war das bestimmt ganz schön schwierig, mit Esel und so. Ausserdem hatten die ja ganz lange Gewänder und Sandalen - die Dornen und Disteln müssen ganz schön an den Beinen gekratzt haben...!"

Samstag, 24. März 2012

What's in a name

"Andrea?" Gekicher der Mädchen. Getuschel. "Der Name passt nicht zu Dir!" Erneutes Getuschel. "Wir geben dir einfach einen anderen Namen." Zwei, drei Vorschläge werden unter Gelächter verworfen, dann sind die Mädchen sich einig: "Wir nennen Dich Lamar!" Eigentlich sollte die Jüngste Lamar heissen, erklärt die Älteste, aber die Eltern waren sich nicht einig, darum heisst sie jetzt Rafif. "Und Du bist jetzt unsere Schwester!" Adoptiert.
Lamar, erklärt mir der Vater später, bedeutet Gold, und zwar im Moment des Schmelzens, wenn es am Reinsten ist. Geadelt.

Freitag, 23. März 2012

Zugehört

"Heute versuchen die Jungen, sich ihre Frau selber auszusuchen. Oder wenigstens, sie vor der Hochzeit kennenzulernen. Ich habe meine Frau nicht gekannt, bevor ich sie geheiratet habe. Das war zu Zeiten der zweiten Intifada; ich war nur alle paar Tage zuhause, die übrige Zeit versteckten wir uns irgendwo. Meine Mutter sorgte sich sehr um mich und stellte mir bei einem meiner Besuche ein Ultimatum: 'entweder du heiratest, oder ich sterbe!' 'wenn du sterben willst, bitte!' Ich hab das für einen Scherz gehalten, an Heiraten hab ich zu diesem Zeitpunkt keinen Gedanken verschwendet.
Aber als ich dann das nächste Mal bei meinen Eltern war, sah sie ganz schlecht aus und sagte mir, sie esse erst wieder, wenn ich dein Versprechen habe, dass Du heiratest. Ein paar Tage später bin ich mit einer Delegation meiner Familie zur Familie meiner Braut gegangen. Als meine zukünftige Frau mir Kaffee serviert hat, war ich so aufgeregt, dass ich nur auf ihre Hände geschaut habe statt in ihr Gesicht, und dann hab ich mir vor Aufregung den Kaffee übergeschüttet und alle haben gelacht. Weil ich irgendwie aus der Situation rauswollte, hab ich gesagt 'ja, sie ist ok', und dann war's offiziell.
Als ich dann in den Frauenraum gehen sollte, um erstmals meiner Braut die Hand zu schütteln, hätte ich sie aus den etwa zwanzig Anwesenden niemals erkennen können. Zum Glück hat mein Vater meine Not erkannt und ist zu mir gekommen, so dass meine Braut aufgestanden ist, um meinem Vater den Respekt zu erweisen und ich wusste, welche es ist. Der falschen die Hand zu geben, wäre einem Verbrechen gleich gekommen ...!"

Mittwoch, 21. März 2012

Innen und aussen

Der Männer- und der Frauenbereich sind strikt getrennt. Zu viert sind wir eingeladen in eine palästinensische Familie in einem Flüchtlingscamp. Wir Frauen, sagt unser Gastgeber, sind herzlich eingeladen, seine Frau und die Töchter im Haus zu begrüssen, der einzige Mann in unsrer Runde bleibt im öffentlichen Bereich des Hauses. Schnell neigt man aus europäischer Perspektive zu einem Urteil: die armen Frauen, die ausgeschlossen sind. Doch die Stimmung in der erweiterten Frauenrunde ist überaus lustig und die Gespräche sind angeregt. Die Töchter - die älteste 17, die jüngste ein paar Monate alt - haben jede für sich einen ausgeprägten Charakter und klare Vorstellungen davon, was sie wollen.  Nicht nur die Zahlenverhältnisse sprechen in diesem Fall für eine andere Sicht der Dinge, aussen vor sind in diesem Fall eindeutig die Männer!

Am Wegrand

"You think, Faqu'a is beautiful?" Der Hirte, der uns mit seinen Schafen beim Abstieg aus dem Dorf überholt, schüttelt mit dem Kopf. "da drüben", nickt er gen Osten, "da drüben ist es richtig schön!" Da "drüben" fällt unser Blick auf die israelische Sperranlage, die das Dorf Faqu'a von seinen ehemaligen Ländereien abschneidet...

Sonntag, 18. März 2012

Farbenlehre

Das Wetter macht seinen üblichen Kapriolen, und nach einer warmen Frühlingswoche fallen die Temperaturen wieder auf nahe der Nullgrenze - gepaart mit Regen und eisigem Wind. Die Innentemperaturen liegen kaum über denen aussen, nicht gerade die beste Variante für einen gemütlichen Schabbat daheim. Also Plan B: Ein Spaziergang in zügigem Tempo, um wieder aufzuwärmen. Nach einer grossen Runde finden wir uns vor dem Protestzelt nahe der Residenz des Premierministers wieder. Ein paar Äthiopier haben nach dem "Abzug" der Familie Schalit den Platz okkupiert, um gegen den Rassismus im Land zu demonstrieren. Seit 34 Tagen (und Nächten) harren sie aus und werben Passanten um Unterstützung für ihr Anliegen. Einer winkt uns ins Zelt - mittels Heizpilz auf angenehme Temperaturen gebracht, und drückt uns heissen Tee in die Hand. Ganz so klar, was genau sie an Veränderungen im Land wollen, ist sich die Gruppe nicht, auch einig sind sich nicht alle. Die Botschaft hingegen steht klar und deutlich auf den T-Shirts:
שחור זה לא שקוף - Schwarz ist nicht transparent!

Freitag, 16. März 2012

Jenseits, diesseits

Journi-Tour in den seit Tagen von heftgem Raketenbeschuss geplagten Süden. Keine Propagandaveranstaltung, wie man uns gleich zu Beginn versichert. Sondern der Versuch, uns das Arbeiten zu erleichtern und uns so schnell wie möglich auf's "Terrain" zu bringen. Vor allem mit "ganz normalen Menschen" vor Ort sollen wir reden können, die unter der ständigen Bedrohung leben müssen. Und: "Keine Sorge! 99 Prozent der Israelis sprechen Englisch!" Für uns hat man sich ganz offenbar richtig ins Zeug gelegt, das restliche Prozent ausfindig zu machen: Von den ersten drei Gesprächspartnern sprechen zwei kein Wort Englisch, und der improvisiert aufgebotene Übersetzer muss gleichzeitig in beide Richtungen dolmetschen und einen Ansturm von Fragen moderieren, für die wegen viel zu knappen Zeitplan eigentlich überhaupt keine Zeit ist...
Wir fahren von Aschdod nach Aschkelon, von "Head of Security Departement" zu stellvertretendem Bürgermeister zu Raketeneinschlagsstelle zu Bürgermeister zum Krankenhaus; Gespräch mit einer israelischen und einer palästinensischen Patientin. Weiter gehts in die Privatwohnung einer mehrköpfigen Familie. Ein merkwürdiges Gefühl, als Teil einer kleinen Busladung Medienmenschen in diese Intimität einzudringen, zumal die Frauen der Familie eine ganze Batterie an Bewirtung paratgestellt haben, für die auf Grund der Kürze der Zeit (der Zeitplan gerät immer mehr aus den Fugen) natürlich keine Zeit bleibt. Letzte Station schliesslich ein Kibbutz geschätzte drei Kilometer Luftlinie vom Grenzzaun entfernt und nach Angaben seiner Bewohner auch in den ruhigsten Zeiten unter ständigem Beschuss. Eine Bewohnerin erinnert sich an bessere Zeiten, als man noch jeden Samstag gemeinsam mit palästinensischen Freunden an die schönen Strände von Gaza fahren konnte.

Hektik, orientalische Planungssicherheit und politische Agenda hin oder her: Es ist dennoch beeindruckend zu sehen und zu hören, dass selbst unter Raketenbeschuss viele Menschen sich gegen einen Krieg aussprechen - weil sie die Menschen auf der anderen Seite des Zauns als Menschen sehen, die ebenso unter der Situation leiden wie diesseits.

Mittwoch, 14. März 2012

Verhärtete Fronten

"Um Shmum" hiess der Film, nach der von Ben Gurion erfundenen Verballhornung der Uno als bedeutungsloser Organisation, gefolgt von einer Diskussionsrunde mit dem Regisseur, einem finnischen Komponisten, einem französischen Reserve-General der Uno und einem schwedischen Journalisten. Der Film erzählt die Geschichte der israelischen Verletzung internationalen Rechts (unter anderem) am Beispiel des zweiten Libanonkriegs. Erzählt wird anhand von Interviews und historischen Dokumenten der Abwurf einer Bombe auf die Uno-Patrouillen-Basis in Khiam im Nordlibanon, bei der vier Uno-Beobachter ums Leben kamen. 
Die historischen Fakten sind be-(er-?)drückend, aber mindestens so bedrückend ist die demagogische Gesprächsatmosphäre. Der Regisseur, nach Finnland ausgewanderter jüdischer Israeli, hatte schon zu Beginn des Films klare Vorstellungen, was die Welt (repräsentiert durch das Publikum) von ihm denkt und was sie zu denken hat. Auf der anderen Seite paarte sich im besagten Publikum die naive "Warum-denn-bloß-das-alles"-Fraktion mit dem ebenso verbreiteten Stereotyp der "Alle-Medien-delegitimisieren-Israel"-Leute. Schwarz-weiße Abziehbilder und Klischees zusammen mit einer unerträglichen Gesprächs"kultur" namentlich des Filmdirektors vertreiben immer mehr Leute aus dem Publikum, die sich offenbar mit keiner der Klischeegruppen identifizieren können.
Der Film hat eine klare politische Agenda, die zu diskutieren sicher ebenso legitim ist wie das Gespräch über die präsentierten Fakten und die Art ihrer Präsentation. Die Art der Diskussion hingegen hinterlässt einen schlechten Beigeschmack und in gewisser Weise raubt sie den historischen Fakten ihre Unschuld!

Dienstag, 13. März 2012

Guter Hirte

Die Szenerie im Wadi Qelt ist selbst für Langzeit-Jerusalemiten spektakulär  und ungewohnt: Regelrecht Wassermassen strömen durch das Flussbett, dass in normalen Wintern mit mehr oder weniger trockenen Füssen als Wanderpfad genutzt werden kann. Der Weg wasseraufwärts zur nahegelegenen Quelle, an normalen Wintertagen mit hochgekrempelten Hosenbeinen durchaus machbar, führt diesmal zu einem Wasserbad, Wasserstand immerhin bis knapp zum Bauchnabel, und die Strömung hat einen ordentlichen Zug. Bis weit hinunter nach Jericho führt das Wadi nach dem regenreichen Winter Wasser, zur Freude der Kinder und Jugendlichen, die von dem seltenen Freizeitspass profitieren. Ströme lebendigen Wassers ...
Auf halber Strecke von der Quelle zum Kloster dann eine weitere Szene. Ein paar Hirten ziehen mit ihrer Herde am Flussufer vorbei zu den Weideflächen auf der anderen Seite. Der tierische Nachwuchs ist der Wassertiefe nicht gewachsen, so dass die Männer die Jungtiere paarweise über das Nass tragen. Biblische Bilder wie jenes des guten Hirten kommen mir in den Sinn...
video

ER ist mein Hirt, mir mangelts nicht. Auf Grastriften lagert er mich, zu Wassern der Ruh führt er mich. Die Seele mir bringt er zurück, er leitet mich in wahrhaften Gleisen um seines Namens willen. Auch wenn ich gehen muß durch die Todesschattenschlucht, fürchte ich nicht Böses, denn du bist bei mir, dein Stab, deine Stütze, die trösten mich. Du rüstest den Tisch mir meinen Drängern zugegen, streichst das Haupt mir mit Öl, mein Kelch ist Genügen. Nur Gutes und Holdes verfolgen mich nun alle Tage meines Lebens, ich kehre zurück zu DEINEM Haus für die Länge der Tage. 
(Ps 23, Übersetzung nach Martin Buber)

Freitag, 9. März 2012

Purim, die Dritte

Neben religiösem Fest und Karneval scheint Purim insbesondere für jüdische Männer jeglicher Couleur vor allem eines zu sein: Brautschau! In einigen Fällen wäre wohl auch der Ausdruck Fleischbeschau durchaus zutreffend. Die harmloseren Offerten des Tages sind Einladungen zum anbrechenden Schabbat, oder, etwas gewagter, ins Café oder zu Ausflügen ins Umland. Vielleicht hängt es mit der "Trinkpflicht" des Festes zusammen, oder aber die durch Verkleidung ermöglichte Maske und Rollenspiel steigern ganz einfach das männliche Selbstvertrauen? Ein paar Telefonnummern oder Emailadressen "reicher" konnte Frau dieser Tage jedenfalls leicht nach Hause kommen, auch ein unverblümter (wenn auch sehr charmanter) Heiratsantrag eines Orthodoxen war darunter… Dem sich, auf den Hinweis, frau sei schon vergeben, nicht weniger unverblümt die Frage nach eventuellen unverheirateten Freundinnen anschloss. Die nicht-orthodoxen Annäherungsversuche auf der improvisierten Tanzfläche im Parkhaus sind deutlich konkreter, und gelegentlich ist zwischen den anwesenden Damen ein Geflüster zu hören: "Rescue me!"

Zweimal Purim

Einmal mehr muss ich mein Bild korrigieren, diesmal das von Mea Shearim. Meine anfänglich Sorge, allzu auffällig mit der Kamera durch das ultraorthodoxe Viertel zu ziehen, erweist sich als absolut unbegründet. Zwar werde ich dann und wann und mehr oder weniger freundlich darauf hingewiesen, dass Fotografieren unerwünscht sei. Ungleich häufiger aber posieren Passanten für meine Kamera oder fragen, ob sie sich die Bilder anschauen dürfen. Mehrfach werde ich explizit um eine Aufnahme gebeten oder auf ein Bildmotiv aufmerksam gemacht. Ein als König verkleideter Ultraorthodoxer winkt mich herbei, damit ich ein Familienfoto von den Seinen mache – und handelt sich dafür einen lautstarken Rüffel eines Glaubensgenossen ein: "Wozu brauchst Du Fotos!" Einer nimmt mir kurzer Hand die Kamera aus der Hand: "Komm, ich mach ein Bild von Dir, Du bist die ganze Zeit am knipsen und selber nie mit drauf!" Jedenfalls komme ich mit einer ganzen Liste von Email-Adressen nach Hause mit der Bitte, die Schnappschüsse zu mailen.

Die Stimmung in den kleinen Gassen ist entspannt fröhlich, viele Kostüme richtig originell. Aus vielen Häusern dringt lautstarke Partymusik und hier und dort wird auf einem Balkon live gespielt – und mitten auf der Strasse getanzt. Aus einer Synagoge dringt ziemlich freakiger Jazz – clash of cultures, so mein erster Gedanke. Etwas weniger reizvoll ist die mit voranschreitender Stunde zunehmende Anzahl von "Schnapsleichen", die nur noch gestützt auf zwei weitere Schultern fortkommen – zu den Purim-Pflichten gehört unter anderem, so viel zu trinken, "ad lo jada", bis man nicht unterscheiden kann zwischen "Verflucht sei Haman" und "Gesegnet sei Mordechai". Je nach Interpretation also volltrunken. Auch die Zahl der sehr jungen Jungs mit Zigarette ist eher erschreckend. Nur bei wenigen scheint nämlich dieses Accessoire zum Kostüm zu gehören. Nun ja …

In einer kleinen Seitengasse schliesslich spricht mich ein älterer Mann an, ob ich nicht auch mal ein Haus von Innen sehen und aufnehmen möchte, und unversehens finde ich mich vor Saft und Kuchen im Kreis einer Schar kleiner Polizisten, Könige, Malerinnen und in einer Konversation in einem Mischmasch aus Jiddisch (die Kinder mit mir), Deutsch (ich mit den Kindern), Englisch, Französisch und Hebräisch (er und ich) wieder. Eher ungewöhnlich für das Judentum, dass ja bekanntlich nicht sehr zur Mission neigt, fragt er mir Löcher in den Bauch über Religion, meine Kenntnisse über das Judentum, ob ich nicht vielleicht doch konvertieren wolle und bietet mir eine Reihe von Tipps und Ratschlägen an, bevor ich weiterziehe.

Die Szenerie gepaart mit dem schönen Wetter ziehen mich derart in den Bann, dass ich so sehr kreuz und quer durch das Gassengewirr ziehe, dass ich am Ende tatsächlich die GPS-Funktion meines iPhones benötige, um mich einigermassen orientieren zu können.

Einmal Purim

"Sorry, I am staring at you, but you look so … real!" Die Frage, ob Kostüm oder echt, bekomme ich an diesem Abend noch ein paar mal zu hören, auch die Frage, wo man so was denn finden kann (Inspiration fürs nächste Purim-Fest?). Beim Betreten einer Bar werde ich schliesslich nach meinem Ausweis gefragt, auch eine Erfahrung! Dabei habe ich die einfachste Purim-Verkleidung gewählt, die mein Schrank zu bieten hatte, und dachte, sie wäre nicht besonders originell. An diesem Abend stecke ich in meinem traditionellen palästinensischen Frauengewand, schwarz mit roten Stickereien, wie man sie in den meisten Altstadtläden findet, dazu ein (zugegebenermassen in meinen Augen einigermassen überzeugend gebundendes) Kopftuch. Das Übergewand ist Teil unsrer offiziellen Chorkleidung, und anfangs zögere ich, es als Verkleidung anzulegen – wer weiss, ob meine arabischen Nachbarn mein Crossover ebenso lustig finden. Eine Befürchtung, die sich als unbegründet erweist – völlig falsch dafür lag ich mit der Annahme, eine "Araberin" unter vielen zu sein. In der Synagoge zur Lesung des Estherbuches findet sich noch ein "Landsmann", ein Beduine mit Keffiyeh und Djalaba. Auf der anschliessenden Party in einem Jerusalemer Parkhaus bin ich weit und breit allein …
Wieder einmal dreht sich alles um ein bisschen Stoff, und amüsiert kommt mir in den Sinn, dass ausgerechnet dieses konkrete Stück Stoff eine quasi brückenbauende Wirkung hat: An Weihnachten und Ostern in der Kirche getragen und dabei unter anderem Ausdruck des palästinensischen Stolzes der hiesigen Christen. Beim Besuch des Tempelbergs "Einlasskarte" für Felsendom und Al-Aksa, und nun schliesslich das jüdische "Purim-Début"...

Mittwoch, 7. März 2012

Schranken

Die Klagemauer, auch Westmauer, Kotel oder neudeutsch Westernwall, kennt so ziemlich jeder. Dass es daneben einen weiteren Zugang zur Westmauer der Anlage des zweiten Jerusalemer Tempels gibt, wissen selbst viele Jerusalemer nicht. Er liegt etwas versteckt, in einer der Zugangstrassen zur Esplanade von Felsendom und Al-Aksa-Moschee, im Herzen des muslimischen Altstadtviertels und ein ganzes Stück weiter nördlich als der bekanntere grosse Abschnitt. Er liegt deutlich höher und so alles in allem der vermuteten Stelle des Allerheiligsten deutlich näher. Ein kleines Schild, blaue hebräische Buchstaben auf weissem Grund, weist kurz vor der Abzweigung den Weg: "Ha-Kotel ha-qatan", kleiner Kotel; am Eingang unmittelbar links neben dem grünen Holztor zum "Haram as-sharif" dann ein klassisches dreisprachiges Jerusalemer Strassenschild, "small wailing wall".

Ein schmaler Gang führt zu einem ersten kleinen Mauerabschnitt, ein paar Meter weiter kommt ein kleiner Hof mit noch einem Stück Klagemauer. An diesem Nachmittag ist es menschenleer. Zwei ultraorthodoxe Juden schauen kurz um die Ecke, fühlen sich durch die Präsenz eine Reiher mit Kameras bewaffneten Frauen aber ganz offenbar gestört und suchen das Weite. Der Weg an dem Mauerstück vorbei führt zu einem weiteren Innenhof, diesmal zu einer Reihe muslimischer Häuser. Metallene Polizeibarrieren teilen einen schmalen Gang von dem kleinen Platz ab – und stören irgendwie die Optik. Mit ein paar Handgriffen verdammen wir die Absperrungen in eine Ecke – freies Bild fürs Foto!
Ein arabischer Anwohner ist nicht begeistert von unsren Umbaumassnahmen und will beunruhigt wissen, wer wir eigentlich sind und was wir da machen. Ein paar erklärende Sätze auf Arabisch entspannen die Situation und öffnen uns Herz und Tür, und kurze Zeit später finden wir uns auf der wunderschönen Terrasse eines mamelukkischen Hauses wieder.
"Zwanzig Familien wohnen hier", erklärt Khaled. Jeweils zum Schabbat sei der Platz hier gut gefüllt, vor allem Männer kommen zum Beten, und die Polizei sperrt den Durchgang für die Bewohner der umliegenden Häuser. Dann zeigt er auf die leeren Mülltonnen. Und den Müll auf dem Treppenaufgang. Alle paar Tage, sagt Khaled, kämen ein paar Siedler und werfen den Müll aus den Tonnen auf die Treppe. Dann führt er uns auf das Dach des Hauses mit einem unglaublichen Blick über die verschachtelten Gässchen und unzähligen Kuppeln der Altstadt. Wir fotografieren, diskutieren, tauschen Telefonnummern aus.


Wieder unten vor dem "kleinen Kotel" starten wir einen erneuten Versuch, das Mauerstück ohne Abschrankungen zu fotografieren. Diesmal sind es ein paar kleine Jungs, die aufgeregt auf uns zu kommen. Was wir da machen und was uns einfällt, die Barrieren wegzunehmen! Eilig räumen sie die Schranken wieder an ihren Platz, strenger noch als sie zuvor gestanden haben. "Auf dieser Seite", sagen sie, "ist Kotel! Auf der anderen nicht." Keiner von ihnen wagt sich jenseits die Absperrung. Alles muss seine Ordnung haben.

Dienstag, 6. März 2012

Sunshine-Reggae

Der Tour-Guide vor dem Jaffa-Gate wirbt wild mit einem Prospekt wedelnd für Touren nach Bethlehem und Hebron. Ich wohne hier, lehne ich dankend ab. "Thanks for your smile", dankt er zurück. "Ich weiss das wirklich zu schätzen! Da fühlt man sich als Mensch!" Und fährt fort: "Business is Business, aber nicht das Wichtigste." Er wünscht mir einen schönen Tag und ich stopfe meine Kopfhörer wieder in die Ohren. "Gimme, gimme, gimme just a little smile", singt "Laid Back", die perfekte Musik für einen sonnigen Tag nach einer verregneten Woche.

Sonntag, 4. März 2012

Aufgeschnappt!

"Ich würde so gern im Toten Meer baden, aber jetzt ist es mir zu kalt! Und es ist ja auch nicht das letzte Mal, dass ich Israel besuche ... Obwohl, eigentlich gut, dass wir jetzt gekommen sind, auch wenn das Wetter blöd ist, aber dafür ist es jetzt sicher. In zwei Monaten oder so ist es bestimmt nicht mehr sicher, hierher zu reisen - wenn Israel erstmal Krieg macht mit dem Iran ... !"

Freitag, 2. März 2012

Ausnahmezustand


Die Strassen sind für einen Freitagmorgen erstaunlich leer. Nach den stürmischen letzten Tagen mit schier nicht enden wollendem Regen – rund dreiviertel der durchschnittlichen Regenmenge des Monats fallen vorsichtshalber schon mal in den ersten 48 Stunden – scheinen mehr Schirmskelette die Stadt zu "bewohnen" als Einwohner. Wir sind auf dem Weg in den Westen der Stadt, und statt mit dem üblichen Stau kämpft der Taxifahrer zur Abwechslung mit schmierseifenähnlichen Strassenzuständen. Mein Telefon klingelt: Unser Konzert, das in gut drei Stunden irgendwo im Jerusalemer Umland beginnen sollte, ist abgesagt – wetterbedingt: Jetzt ist er da, der lang erhoffte Schnee, und er bringt das normale Alltagsleben quasi zum Erliegen. Auch der Schulunterricht fällt vorsorglich aus – wer weiss, ob die Kinder nicht sonst in der Schule einschneien. 
Der Westeuropäer wie ich ist hin- und hergerissen zwischen stirnrunzelndem Kopfschütteln über die skurrile Szenerie, in der eine Handvoll Schneeflocken monatelange Planungen über den Haufen werfen können und der ansteckenden Begeisterung für das seltene "Event", Jerusalem mit weisser Zuckerschicht zu sehen. Es siegt schliesslich die Euphorie, immerhin ein rares Photosujet … Etwas ausserhalb des Zentrums tummeln sich ganze Familien im Park zu Schneeballschlacht, Schneemannbau und Schlittenfahrten – was halt die geschätzten 2-3 cm Weiss so hergeben. In und um der Altstadt posieren Einheimische wie Touristen mit ungewöhnlichem Bild.

Eine gute Stunde später ist der Spuk vorüber, kleine Reste Schnee entlang der Stadtmauer geben zusammen mit strahlend blauem Himmel und Palmen ein noch bizarreres Bildmotiv. Gegen Mittag – Concert Time – ist von Schnee nichts mehr zu sehen, für eine Weile halten sich Sonne und winterliches Wolkenspiel am Himmel (bevor es dann wieder zu regnen beginnt). Doch der "Wintereindruck" sitzt tief. Noch gegen 15 Uhr zögern die Franziskaner, ob die wöchentliche Kreuzprozession auf der Via Dolorosa tatsächlich stattfinden kann. Schliesslich hat es ja geschneit…